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Aphoristische Aufzeichnungen und systematisches Denken
Beitrag 4: Christoph Grubitz über Elias Canetti
Aus der Bemühung Einzelner, den Tod von sich abzuwenden, ist die ungeheuerliche Struktur
der Macht geworden.
Ich bin immer davon überzeugt, daß Gesinnungen aus Massenerlebnissen entstehen.
Entdeckung eines Dokuments, das 50 000 Jahre alt ist. Zusammenbruch der Geschichte.
Das Hoffnungsvolle an jedem System: was von ihm ausgeschlossen bleibt.
Das Wissen kann seine Tödlichkeit erst durch eine neue Religion verlieren, die den Tod nicht
anerkennt.
Es wird die Form von Masse und Macht noch zu seiner Stärke werden. Mit der
Fortsetzung hättest du dieses Buch durch deine Hoffnungen zerstört. So wie es jetzt ist, zwingst du die
Leser dazu, ihre Hoffnungen zu suchen.
In seiner berühmten Hommage an Lichtenberg rühmt Canetti 1968 sein aphoristisches Vorbild:
„Er kann mit Systemen spielen, ohne sich in sie zu verwickeln.“| 1 |
Gelegentlich hat man denn auch in seinen Aufzeichnungen undifferenziert eine Ablehnung
„systematischen“ Denkens sehen wollen. Das ist schon deswegen abwegig, weil beide Autoren als
Naturwissenschaftler mit Systemen (nicht als Weltanschauungen, aber als Hilfsmitteln der Erkenntnis) ebenso
souverän umgingen wie mit aphoristischen Gedankenexperimenten.
Nicht umsonst haben sich deutsch-jüdische Links-Intellektuelle der Weimarer Republik und des Exils ebenso
übrigens wie der George-Kreis – beide als Kritiker des sozio-ökonomischen Systems – an einer Synthese
systematischen und aphoristischen Denkens versucht. Und manche, wie Ernst Bloch, Walter Benjamin und
Kurt Tucholsky, haben dabei in Georg Christoph Lichtenberg auch eine politische Galionsfigur zwischen
einer erstarrten Aufklärung und dem Faschismus gefunden. Anders liegt der Fall bei Canetti. Macht, die
für ihn immer auch Macht über das Leben ist, setzt für ihn den Tod als einen biologischen Fehler voraus:
Aus der Bemühung Einzelner, den Tod von sich abzuwenden, ist die ungeheuerliche Struktur der
Macht geworden.
Hierin kommt Canetti mit dem Philosophen und Schriftsteller Hans Blumenberg überein, der
eines seiner Bücher dem kränkenden Missverhältnis von Lebenszeit und Weltzeit gewidmet hat – und,
am Beispiel Hitlers, den Verführungen, die daraus erwachsen. Insofern müsste es Canetti wie Blumenberg auch
aussichtslos erscheinen, eine sozialpsychologische Schocktherapie nach dem Muster der Kritischen Theorie
Adornos zu üben. Er führt Ideologie auch in der Moderne auf den mythischen Aspekt der Initiation in
Gruppen zurück:
Ich bin immer davon überzeugt, dass Gesinnungen aus Massenerlebnissen entstehen.
Aber auch das ist keine Determinante. In Canettis Aphoristik bleiben alternative
Wirklichkeiten immer denkbar. Er gibt sich dabei als individualistischer Autor, der die besseren
Möglichkeiten der Menschen liebt. Dabei sichtet er Spuren eines anthropologischen Bedürfnisses nach
Gründungsgeschichten der Menschheit. Wie eine Parodie auf Schlagzeilen der Boulevardpresse liest sich
der folgende Aphorismus:
Entdeckung eines Dokuments, das 50 000 Jahre alt ist. Zusammenbruch der Geschichte.
Als aufgeklärter Naturwissenschaftler ist sich Canetti über die Gefahr im
„systematischen“ Denken klar:
Das Hoffnungsvolle an jedem System: was von ihm ausgeschlossen bleibt.
Canetti hält auch in seinen aphoristischen Reflexionen von 1944 über sein Judentum und den
Holocaust verzweifelt fest an der Aufklärung und ihrer Hoffnung auf gewalt- und herrschaftsfreie
Verständigung. Dabei geht es ihm aber immer um die Verständigung aller Menschen. Dies wäre der
Anspruch des Christentums, das aber als Option ausscheiden muss, weil sich nach Auschwitz jede Sinngebung
des Todes, zumal in der deutschen Sprache, verbietet:
Das Wissen kann seine Tödlichkeit erst durch eine neue Religion verlieren, die den Tod nicht
anerkennt.
Solche Gedanken pointieren Befunde des diskursiv und überaus gelehrt angelegten Hauptwerk
Canettis Masse und Macht, an dem er über 20 Jahre gearbeitet hat. Die
Aufzeichnungen sind aber nicht bloß Kompensation einer poetischen Askese oder
komplementäre Arbeitsform. Masse und Macht erschien 1960. Das Werk blieb ein unfreiwilliges
Fragment. Canetti hat in dieser Not eine Tugend gesehen. In einer Aufzeichnung von 1982
macht er den Leser zum Zeugen eines Selbstgesprächs, bei dem es um den aphoristischen Stil von
Masse und Macht geht:
Es wird die Form von Masse und Macht noch zu seiner Stärke werden. Mit der
Fortsetzung hättest du dieses Buch durch deine Hoffnungen zerstört. So wie es jetzt ist, zwingst du die
Leser dazu, ihre Hoffnungen zu suchen.
Chr. Grubitz, 3. November 2004
———————————
| 1 | Aufzeichnungen 1942-1987.
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Über Elias Canetti
» Gerald Stieg: „Canetti und Nietzsche“, in: Von Franzos zu Canetti. Jüdische Autoren aus Österreich. Neue Studien (hrsg. von Mark H. Gelber, Hans O. Horch und Sigurd P. Scheichl), S. 345-355.
» Susanna Engelmann: Babel, Bibel, Bibliothek. Canettis Aphorismen zur Sprache (Epistemata Literaturwissen- schaft, Bd. 191.)
» Gerhard Neumann: Canetti als Leser anderer Aphoristiker, in: Canetti als Leser.
» Peter von Matt: Der phantas- tische Aphorismus bei Elias Canetti, in: Wortmasken. Texte zu Leben und Werk von Elias Canetti.
» Ursula Ruppel: Der Tod und Canetti. Essay.
» Rudolf Hartung: „Ansturm gegen die Grenzen. Überlegungen zu Canettis Aufzeichnungen aus drei Jahrzehnten“, in: Ein Rezipient und sein Autor, S. 120-126.
» Christiane Altvater: Die moralische Quadratur des Zirkels. Zur Problematik der Macht in Elias Canettis Aphorismensammlung „Die Provinz des Menschen“.
» Thomas Lappe: Elias Canettis „Aufzeichnungen 1942-1985“. Modell und Dialog als Konstituenten einer programmatischen Utopie.
» Gerhart Baumann: „Atemzüge der Schrift. Die ,Aufzeichnun- gen’ von Elias Canetti“, in: Erschriebene Welt. Versuche zur Dichtung, S. 43-59.
» Diverse Autoren: Hüter der Verwandlung. Beiträge zum Werk von Elias Canetti.
» Stefan H. Kaszynski: „Im Labor der Gedanken. Zur Poetik der Aphorismen von Elias Canetti“, in: Elias Canettis Anthropologie und Poetik, S. 151-163.
» Der Weg durch das Labyrinth. Versuch über Elias Canettis ,Aufzeichnungen’, in: Zu Elias Canetti (hrsg. von Manfred Durzak), S. 92-102.
» Ingo Seidler: „Bruchstücke einer großen Konfession“. Zur Bedeutung von Canettis Sudelbüchern.
» Uwe Schweikert: „Schöne Nester ausgeflogener Wahrheiten. Elias Canetti und die aphoristische Tradition“, in: Canetti lesen (hrsg. von Herbert G. Göpfert), S. 77-86.
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