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Die Entstehungsbedingungen des paradoxen Scheins
Beitrag 8: Paul Geyer über François La Rochefoucauld
Unsere Tugenden sind, zumeist, nichts als verkleidete Laster.
Die Laster finden Eingang in die Tugenden, so wie die Gifte in die Medizin.
Es gibt verschleierte Unwahrheiten, die der Wahrheit so ähnlich sehen, dass sich von ihnen nicht
täuschen zu lassen, einem Mangel an Urteilskraft gleichkäme.
Wir sind so gewohnt, uns vor den anderen zu verstellen, dass wir uns am Ende vor uns selbst
verstellen.
Die Liebe zur Gerechtigkeit ist bei den meisten Menschen nichts als Furcht, eine Ungerechtigkeit
zu erleiden.
Einleitung zum Begriff des Paradoxen
Etwas Paradoxes gibt es nicht. Indessen ist der Glaube an das Paradoxe weit verbreitet.
Dieser Glaube beruht auf einer Anwendung des zeitlos-formallogischen Satzes von der Identität und vom
Widerspruch auf Gegenstandsbereiche historischer Norm- und Wertsysteme. In der Terminologie von John
Lyons| 1 |: Der Schein des Paradoxen entsteht,
wenn Antonymien, das sind graduelle Oppositionen von der Art ,gut/böse’, ,Sein/Schein’,
,Identität/Alterität’, behandelt werden wie komplementäre oder Ausschließlichkeits-Oppositionen von
der Art ,verheiratet/ ledig’. Wer z.B. meint, das Motiv einer Tat sei entweder gut oder
böse, wer meint, die soziale Rolle, die er spielt, lasse sich säuberlich von seiner individuellen Identität
trennen, wer also meint, einen Bereich der Eigentlichkeit von einem Bereich des Uneigentlich-Scheinhaften scheiden
zu können, der findet sich – konfrontiert mit der menschlichen Wirklichkeit – in einem Wald von Paradoxien
wieder. Er wird dann dazu neigen, die Paradoxie zum Existenzial des Menschlichen zu erklären...
„Dialektik des Paradoxen“ nenne ich den Dreischritt von der impliziten Paradoxie (Thesis)
über die explizite Paradoxie (Antithesis) hin zur Aufhebung (Synthesis) des paradoxen Scheins durch die
Einsicht in seine Entstehungsbedingungen. Die französische Moralistik ist die literarische Gattung,
in der diese „Dialektik des Paradoxen“, noch unsystematisch, theoretisch scheinbar
unverbindlich, schon einmal durchgespielt wird.
[...]
La Rochefoucaulds Maximes (1659-1680): Von der expliziten Paradoxie zur Einsicht in die
Entstehungsbedingungen des paradoxen Scheins
Wie Pascal hätte La Rochefoucauld über Montaignes Essais sagen können:
Le sot projet qu'il a de se peindre. (Pensées (1656-1660) N°653)
[dt.: Sein lächerliches Vorhaben, sich darzustellen.]| 2 |
Aber La Rochefoucauld hätte es aus anderen Gründen gesagt als Pascal. La Rochefoucauld
findet das Ich nicht etwa hassenswert, sondern er hält es für eine Fiktion. Töricht an Montaignes Vorhaben
aber wäre gewesen, dass er seinem Ich auf den nichtfiktionalen Grund kommen wollte.
Neben dem Titelblatt der Originalausgabe von La Rochefoucauld Maximes et Réflexions morales
aus dem Jahre 1665 ist eine allegorische Figur der Wahrheitsliebe abgebildet, die einer Senecabüste die
selbstbeherrscht-heitere Maske vom leidenschaftszerfurchten Gesicht gerissen
hat| 3 |. Mit Paul Bénichou kann man diese
Demaskierungsgeste und La Rochefoucaulds Maximes insgesamt als Symptom für die entscheidende
Wende in den „Moralbegriffen des großen, klassischen französischen Jahrhundert“
werten.| 4 | Das stoisch-heroische
Persönlichkeitsideal der Frühklassik wird als falscher Schein entlarvt.
Der Verfasser der Maximes wusste, wovon er sprach. François VI., Herzog von La Rochefoucauld,
von höchstem französischem Adel, war Teilnehmer der Fronde, jenes letzten Aufbäumens der Feudalaristokratie
gegen den Absolutismus Mazarins und Ludwig XIV. Und er hatte sich, nach dem Scheitern der Fronde, begnadigen
und, mit einer ansehnlichen Pension ausgestattet, zum Höfling domestizieren lassen. Mit seinen
Maximes konnte La Rochefoucauld daher auf eine Art resignative Abrechnung mit seiner
eigenen „heroischen“ Vergangenheit abzielen. In den Maximes wird er denn auch
nicht müde, die verborgenen egoistischen Antriebe hinter dem schönen Schein der heroischen Tugenden der
Großmut der Treue, der Tapferkeit, der Aufrichtigkeit, des Mitgefühls
aufzudecken.| 5 | Er liegt damit auch im Trend
des Jansenismus, der dem erbsündebeladenen und gnadebedürftigen Menschen die Kraft zur Tugend aus freien
Stücken abspricht und jeden tugendhaften Anschein mit dem Verdacht jesuitischer Heuchelei
belegt.| 6 | Als Bekräftigung derartiger
Intentionen lässt sich das Motto deuten, das La Rochefoucauld seinem Werk in der Ausgabe von 1674
voranstellt:
Nos vertus ne sont, le plus souvent, que des vices déguisés. (Motto; d)
[dt.: Unsere Tugenden sind, zumeist, nichts als verkleidete Laster.]
Durch die für die Maximes so typische französische Konstruktion mit
„n'est... que“ [„nichts als“]| 7 | werden
scheinbare Tugenden auf eigentliche Laster zurückgeführt. Damit wird aber die Ausschließlichkeitsopposition
,Tugend/ Laster’ in ihrer Geltung gerade bestätigt. Erschöpfte sich darin die Bedeutung des erwähnten
Titelblattes und die der Maximes, so wären sie nicht besonders originell. Schließlich ist die
Entlarvung falschen tugendhaften Scheins ein Hauptanliegen aller Moralphilosophen und -theologen seit der
Antike und Seneca eingeschlossen. La Rochefoucauld wäre hier nur etwas radikaler und pessimistischer als
andere. Auch ließe sich dann nur schwer die eigentümliche Beruhigung erklären, die von Anfang an und bis
weit in die Moderne hinein von seinen Maximes
ausging.| 8 |
Diese produktive Unruhe, die La Rochefoucauld bewirkt hat, lässt sich m.E. darauf zurückführen, dass er
die Suche nach den geheimen Motiven menschlicher Handlungen bis zum qualitativen Sprung intensiviert, wo
der Diskurs der Eigentlichkeit selbst in Frage gestellt wird. Die Demaskierung des Demaskierers Seneca
auf dem Titelblatt bedeutete dann nicht mehr nur, dass La Rochefoucauld den falschen Schein noch besser
durch das eigentliche Sein zu entlarven beabsichtigte als Seneca, sondern dass er die Opposition
‚Eigentlichkeit/ Uneigentlichkeit’ selbst in Frage stellt. Ich will diese These an einigen Zitaten
belegen. Dabei konstruiere ich eine logisch-systematische Entwicklung, die in den Maximes
selbst, aufgrund ihrer bewusst unsystematischen Anordnung, so nicht zu finden ist. Bereits die Erstausgabe
von 1665 (a) enthält aber alle logischen Entwicklungsstufen. Zum einen neutralisiert La Rochefoucauld
die Opposition ,Tugend/Laster’:
Les vices entrent dans la composition des vertus comme le poisons entrent dans la composition
des remèdes. (n°182; a)
[dt.: Die Laster finden Eingang in die Tugenden, so wie die Gifte in die Medizin.]
Le persévérance n'est digne ni de blâme ni de louange, parce qu'elle n'est que la durée
des goûts et des sentiments, qu'on ne s'ôte et qu'on ne se donne point. (n°177; a)
[dt.: Die Beständigkeit verdient weder Lob noch Tadel; sie ist nur das Fortbestehen von Neigungen
und von Gefühlen, derer man sich nicht entledigt und die einem nicht zuteil werden.]
In einem zweiten logischen Schritt wird die Opposition ‚Sein/Schein’ neutralisiert:
Il y a des faussetés déguisées qui représentent si bien la vérité que ce serait mal juger que
de ne s'y pas laisser tromper. (n°282; a)
[dt.: Es gibt verschleierte Unwahrheiten, die der Wahrheit so ähnlich sehen, dass sich von ihnen nicht
täuschen zu lassen, einem Mangel an Urteilskraft
gleichkäme.]| 9 |
Steht aber erst einmal das adäquate Repräsentationsvermögen des Denkens in Frage, dann
verliert in einem letzten Schritt auch das Bollwerk der Selbstbewusstseinsphilosophie, das
„cogito“, die „Einheit des
Bewusstseins“| 10 | seine
Selbstgewissheit:
Nous sommes si accoutumés à nous déguiser aux autres qu'enfin nous nous déguisons à
nous-mêmes. (n°119; a) [dt.: Wir sind so gewohnt, uns vor den anderen zu verstellen, dass wir
uns am Ende vor uns selbst verstellen.]
Die Opposition ,Identität/Alterität’ bricht zusammen:
On est quelquefois aussi différent de soi-même que des autres. (n°135; a)
[dt.: Man unterscheidet sich zuweilen so sehr von sich selbst wie von den anderen.]
Wir erinnern uns an eine fast gleich lautende Formulierung Montaignes. La Rochefoucauld
hat hier das Stadium der expliziten Paradoxie erreicht, zu dem sich Montaigne von dem scheinbar gesicherten
Diskurs der Eigentlichkeit aus immer wieder vorwagt. – La Rochefoucauld geht aber darüber hinaus. – Die
Wende lässt sich schon in der berühmten ersten Maxime der Erstausgabe nachzeichnen, die La Rochefoucauld
in den folgenden Ausgaben – wohl aufgrund ihrer untypischen Länge und des ebenso maximenuntypischen
argumentativ-deduktiven Sprachduktus – gestrichen hat. In dieser Maxime versucht La Rochefoucauld den
„amour propre“ [Eigenliebe] zu definieren, den er in einer posthumen Maxime (n°22) den Gott
des Menschen nennt. In Aneignung und Säkularisierung des christlichen Begriffs der
Eigenliebe| 11 | macht La Rochefoucauld den
„amour propre“ zum Identitätszentrum des Menschen und zum
„dieu caché“ [„versteckten Gott“]| 12 | seiner gesamten
Maximes. In der ursprünglich ersten Maxime beschreibt er den „amour-propre“
zunächst als Inbegriff des Paradoxen:
Il est toust les contraires: il est impérieux et obéissant, sincère et dissimulé, miséricordieux
et cruel, timide et audacieux. [...]; il est inconstant d'inconstance [...]; il est capricieux [...].
Il est bizarre. (Max. suppr. n°1; a: n°1)
[dt.: Sie {die Eigenliebe} beinhaltet alle Gegensätze: Sie ist herrisch und gehorsam, aufrichtig und
heuchlerisch, barmherzig und grausam, schüchtern und dreist. {...}; sie ist unbeständig in ihrer
Unbeständigkeit {...}; sie ist launisch {...}. Sie ist bizarr.]
„Bizarre“ meint im damaligen Sprachgebrauch etwas, das sich kategorialer Zuordnung
entzieht, also das Paradoxe.| 13 | Hier erreicht
der Diskurs des explizit Paradoxen einen Wendepunkt, von dem es kein Zurück gibt. La Rochefoucauld verharrt
aber nicht im Paradoxen einer „negativen
Anthropologie“| 14 |. Nachdem La
Rochefoucauld vom Standpunkt der Ausschließlichkeitsoppositionen die Paradoxie des „amour propre“
noch einmal bekräftigt hat, wechselt er nämlich die Perspektive. Die Anwendung der
Ausschließlichkeitsoppositionen hat zu ihrer eigenen Neutralisierung geführt und damit an eine Art
Nullpunkt der Subjektivität. La Rochefoucauld gibt es nun auf, die Subjektivität mit dem traditionellen
Diskurs greifen zu wollen. Noch in der ursprünglich ersten Maxime räumt er ein:
ses [de l'amour-propre] souplesses ne se peuvent représenter. (Max. suppr. n°1; a:
n°1) [dt.: Ihre {die der Eigenliebe} Formen lassen sich nicht wiedergeben.]
La Rochefoucauld weist auf die dynamische Struktur der Subjektivität hin, die eine
identische Fixierung unmöglich macht:
c'est après lui-même qu'il court (ibid.)
[dt.: sie rennt sich selbst hinterher]
Inhaltlich reduziert La Rochefoucauld den „amour-propre“ schließlich auf den
reinen Selbsterhaltungstrieb:
il ne se soucie que d'être (ibid.)
[dt.: sie sorgt sich nur um ihre Existenz]
Symmetrisch zur ursprünglich ersten Maxime steht daher auch die letzte (n°504; a), in der
La Rochefoucauld den Tod zum einzigen wirklichen Antagonisten des „amour-propre“ erklärt.
Die einzige Ausschließlichkeitsopposition, die in La Rochefoucaulds Maximes Bestand hat, ist
die von Leben und Tod. – Aber die ist auch nicht vom Menschen selbst geschaffen. – Alle anderen
Norm- und Wertoppositionen entstehen aus dem menschlichen Lebenszusammenhang heraus. Und La Rochefoucauld
zeigt in vielen seiner Maximen bereits, wie sich aus dem lebensweltlichen Sein normatives Sollen
erzeugt. Regulatives Prinzip der Ethik wird das Interesse:
L'intérêt est l'âme de l'amour-propre. (Max. posthume n°26)
[dt.: Das Interesse ist die Seele der Eigenliebe.]
Das Interesse, letztlich also der Selbsterhaltungstrieb schafft Wertoppositionen:
L'intérêt que l'on accuse de tous nos crimes mérite souvent d'être loué de
nos bonnes actions. (n°305; c)
[dt.: Die Absichten, denen wir unsere Verbrechen anlasten, verdienen es oft, gute Handlungen
zu beflügeln.]
Das wohlverstandene Eigeninteresse unterwirft sich Spielregeln des menschlichen
Zusammenlebens:
L'amour de la justice n'est en la plupart des hommes que la crainte de
souffrir l'injustice. (n°78; a)
[dt.: Die Liebe zur Gerechtigkeit ist bei den meisten Menschen nichts als Furcht, eine Ungerechtigkeit
zu erleiden.]
Lebensdienliche soziale Werte erhalten identitätsstiftenden Charakter fürs Individuum und
setzen eine wechselseitig sich verstärkende Anerkennungsdynamik in Gang:
L désir de mériter les louanges qu'on nous donne fortifie notre vertu; et celles que
l'on donne à l'esprit, à la valeur, et à la beauté contribuent à les augmenter. (n°150; a)
[dt.: Das Begehren, die Lobpreisungen, die man uns zuteil werden lässt, zu verdienen, bestärken unsere
Tugend; und die man dem Geist, dem Wert und der Schönheit gibt, tragen dazu bei, sie zu verstärken.]
Egoistische und altruistische Antriebe lassen sich nicht klar voneinander trennen:
Nous ne pouvons rien aimer que par rapport à nous, et nous ne faisons que suivre notre goût et
notre plaisir quand nous préférons nos amis à nous-mêmes; c'est néanmoins par cette préférence seule
que l'amitié peut être vraie et parfaite. (n°81; e)
[dt.: Wir können nichts lieben, das im Verhältnis zu uns selbst steht, und wenn wir unsere Freunde uns
selbst vorziehen, dann tun wir nichts anderes, als unserer Neigung und unserem Vergnügen zu folgen;
nichtsdestoweniger wird allein durch diese Bevorzugung die Freundschaft wahrhaftig und vollkommen.]
Der Gegensatz ,Vollkommene Selbstlosigkeit’ vs. ,Vollkommene Selbstsucht’
wird im dialektischen Anerkennungsprozess aufgehoben. Ausschließlichkeitsoppositionen werden zu graduellen
Oppositionen:
La faiblesse est plus opposée à la vertu que le vice. (n°445; e)
[dt.: Die Schwäche steht der Tugend mehr entgegen als das Laster.]
Zwischen normativen Extremwerten liegt in der Realität eine breite Skala von Nuancen:
La parfaite valeur et la poltronnerie complète sont deux extrémités où l'on arrive
rarement. L'espace qui est entre-deux est vaste, et contient toutes les autres espèces de courage.
(n°215; a)
[dt.: Der vollkommene Wert und die größte Freiheit sind zwei selten erreichte Extreme. Der Bereich
zwischen ihnen ist sehr groß und enthält alle anderen Arten des Mutes.]
Laster relativieren sich gegenseitig:
On est d'ordinaire plus médisant par vanité que par malice. (n°483; e)
[dt.: Für gewöhlich ist man eher durch Eitelkeit als durch Bosheit verleumderisch.]
Da das Individuum seine Identität über die zwischenmenschliche Anerkennungs- dynamik und damit
auch aus den graduellen Wertoppositionen gewinnt, werden auch die Oppositionen ‚Identität/Alterität’,
‚Bewusstes/Unbewusstes’ graduell. Versicherte uns noch Montaigne, seine Essais seien ein
„livre de bonne foy“ [Buch des guten Glaubens], und nicht etwa „de mauvese foy“
[des schlechten Glaubens], so wird die Opposition ,bonne foi/mauvaise foi’ [guter
Glaube/schlechter Glaube] bei La Rochefoucauld komparativ: In den erst posthum veröffentlichten
Réflexions diverses (XIII; p. 207 s.) spricht er davon, dass jemand „de meilleure
foi“ [besseren Glaubens] sein könne als jemand anderer, ohne doch deswegen schon „de bonne foi“ sein zu müssen.
So weit ich sehe, ist dies der erste Beleg dieser Steigerungsform von „bonne foi“. Damit bereitet
La Rochefoucauld der modernen Bedeutung von „mauvaise foi“ den Boden, die ja keineswegs
„bewusste Unehrlichkeit“ meint. La Rochefoucauld führt uns vor, wie Paradoxien entstehen.
Er lässt normative Ausschließlichkeitsoppositionen an der psychischen und sozialen Realität des Menschen in
sich zusammenbrechen und erzeugt dadurch den Schein des Paradoxen. Dann aber wechselt er den Standpunkt
und verlässt den Boden des Diskurses der Eigentlichkeit. Er zeigt, wie relative Wert- und
Identitätsopposi- tionen aus der Dynamik menschlicher Lebens- und Bewusstseinsverhältnisse heraus geschaffen
werden. Jenseits der Ausschließlichkeitsoppositionen ,Gut/ Böse’, ,Sein/Schein’,
,Ich/Nicht-Ich’ aber gibt es keine Paradoxien mehr, sondern nur die ständig revisionsbedürftige Arbeit
des Begriffs an der Vielschichtigkeit des menschlichen Bewusstseins in der Geschichte. An Descartes und
Kant vorbei ebnet La Rochefoucaulds Einsichtnahme in die Entstehungsbedingungen des paradoxen Scheins den
Weg für eine Fundierung des Wissens vom Menschen in einem hermeneutischen Diskurs, der für die Dynamik
historischer Bedeutungsfortschreibungen offen ist.
P. Geyer, 28. Februar 2005
Anm.: Oben stehender Text ist ein Auszug aus dem Essay „Zur Dialektik des Paradoxen in
der französischen Moralistik: Montaignes Essais – La Rochefoucaulds Maximes – Diderots Neveu
de Rameua“. Quelle: Das Paradox. Eine Herausforderung des
abendländischen Denkes, hrsg. von Roland Hagenbüchle und Paul Geyer, 2. Aufl. Würzburg:
Königshausen-Neumann, 2002, S. 385f. und S. 392-398. Der Webmaster dankt Herrn Prof. Paul Geyer
für die Schenkung des Buches, dem Verlag für die Veröffentlichungserlaubnis und Jana Stöckel für die
Übersetzungen der Maximen ins Deutsche.
———————————
| 1 | John Lyons: Einführung in die
moderne Linguistik, München: C.H. Beck, 1975.
| 2 | Blaise Pascal: Péenses,
hrsg. von M. Le Guern, 2 Bände, Paris: folio, 1977, in Band 2, S. 159.
| 3 | François La Rochefoucauld: Maximes,
suivies des Réflexions diverses, hrsg. Von J. Truchet, Paris: Class. Garn., 1967.
| 4 | Paul Bénichou: Morales du Grand
Siècle, Paris: Gallimard, 1948, S. 155-180.
| 5 | z.B. Maximes n°246(a), 247(a), 221(a),
62(a), 463(e). Die Zählung der Maximen folgt der 5. Ausgabe von 1678; die Buchstaben kennzeichnen die Ausgabe,
in der die jeweilige Maxime zum ersten Mal erschien: a=1665, b=1666, c=1671, d=1674, e=1678.
| 6 | Louis Hippeau: Essais sur la
morale de La Rochefoucauld, Paris: Nizet, 1967, S. 97-119.
| 7 | Als „relation déceptive“
[dt.: „Konstellation der Enttäuschung“] beschrieben in: Roland Barthes: La Rochefoucauld.
Le degré zéro de l'écriture suivi de Nouveaux essais critiques. Paris: Seuil, 1972, S. 69-88.
| 8 | Gerhard Hess: Zur Entstehung der
„Maximen“ La Rochefoucaulds, Köln/Opladen: Westdeutscher Verlag, 1957; Margot Kruse:
La Rochefoucauld en Allemagne. Sa réception par Schopenhauer et Nietzsche. Images de La Rochefoucauld. Actes
du Tricentenaire, Paris 1984, S. 109-122; Margot Kruse: Die Maxime in der französischen Literatur.
Studien zum Werk La Rochefoucaulds und seiner Nachfolger, Hamburg: Hamburger Romanistische Studien, 1960.
Letztgenanntes Buch analysiert umfassend die Neubegründung der Kunstform ,Maxime’ durch La
Rochefoucauld vor dem Hintergrund diachron und synchron verwandter Gattungen.
| 9 | Die Argumentationsstruktur dieser
Maxime weist schon auf den berühmten Hegelschen Satz voraus: „Das Wahre ist der bacchantische
Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist“, Phänomenologie des Geistes (1807), S. 46.
| 10 | Immanuel Kant: Kritik der reinen
Vernunft, §17.
| 11 | Hans-Jürgen Fuchs: Entfremdung und
Narzissmus. Semantische Untersuchungen zur Geschichte der „Selbstbezogenheit“ als Vorgeschichte
von französisch „amour-propre“. Stuttgart: Metzler, 1977, S. 190-266.
| 12 | Jacqueline Plantié: L'amour
propre au Carmel: Petite histoire d'une grande maxime de La Rochefoucauld, RHLF 71, (1971):
S. 561-573, auf S. 572.
| 13 | Fritz Schalk: „Das Wort BIZZAR im
Romanischen“. Etymologica, Festschrift W. von Wartburg, Tübingen 1958, S. 655-679.
| 14 | Karlheinz Stierle: „Die Modernität
der französischen Klassik. Negative Anthropologie und funktionaler Stil“, in: Französische Klassik, hrsg.
von F. Nies und K. Stierle. München: Fink, 1985, S. 81-128, zeigt auf den S. 91-99, wie La Rochefaucauld die
Negativität seiner Anthropologie im Sprachspiel der Maxime ästhetisch kompensiert; so ansatzweise auch in:
Jean Starobinski: „Introduction“. La Rochefoucauld, Maximes, Paris (10/18) 1964, S. 7-35, auf
den S. 15-20. La Rochefoucauld weist aber daneben auch einen diskursiven (protohermeneutischen) Weg aus der
Paradoxie.
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Über La Rochefoucauld
» Piero Toffano: La figura dell'antitesi nelle massime di La Rochefoucauld.
» Christoph Strosetzki: Hieroglyphentradition und Devisenkunst als Hintergrund der „Maximen“ von La Rochefoucauld.
» Karlheinz Stierle: „Die Moder- nität der französischen Klassik. Negative Anthropologie und funktionaler Stil“, in: F. Nies und K. Stierle (Hrsg.): Französische Klassik, S. 81-128.
» Margot Kruse: „La Rochefoucauld en Allemagne. Sa réception par Schopenhauer et Nietzsche“, in: Images de La Rochefoucauld. Actes du Tricentenaire.
» Odette de Mourgues: Two French Moralists. La Rochefoucauld et La Bruyère.
» Liane Ansmann: Die „Maximen“ von La Rochefoucauld.
» Roland Barthes: „La Rochefoucauld“. Le degré zéro de l'écriture suivi de Nouveaux essais critiques.
» Harald Wentzlaff-Eggebert: „Reflexion“ als Schlüsselwort in La Rochefoucaulds „Réflexions ou sentences et maximes morales“.
» Jacqueline Plantié: „L'amour propre au Carmel: Petite histoire d'une grande maxime de La Rochefoucauld“.
» Louis Hippeau: Essais sur la morale de La Rochefoucauld.
» Jean Starobinski: „Introduc- tion“ La Rochefoucauld, Maximes, S. 7-35.
» Margot Kruse: Die Maxime in der französischen Literatur. Studien zum Werk La Rochefoucaulds und seiner Nachfolger.
» Gerhard Hess: Zur Entstehung der „Maximen“ La Rochefoucaulds.
» Paul Bénichou: Morales du Grand Siècle.
» Jean Marchand: Bibliographie des Œuvres de La Rochefoucauld.
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