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TalentprobenBeitrag 9: Ulrich Horstmann über Oscar Wilde
Nach eigenen Angaben investierte Wilde nur seine Talente in die Literatur, alles Genie aber ins Leben. Die existenziellen Selbstinszenierungen des Dandy und Ästhetizisten, seine so vielen Zeitgenossen unvergesslichen Auftritte in Auditorien und Bankettsälen, an Premierenabenden und vor den Schranken des Gerichtes verleihen diesem Bonmot den harten Kern einer Tatsachenfeststellung. Ob gefeiert, verfemt oder verfettet im späten Inkognito des Sebastian Melmoth (nach dem gleichnamigen Schauerroman seines Großonkels Maturin), Oscar Wilde hat filmreif gelebt. Die „Talentproben“, die er sich gleichwohl abverlangte – den Roman The Picture of Dorian Gray (1891), die Kunstmärchen in The Happy Prince (1888), programmatische Essays wie The Decay of Lying (1889) und vor allem die großen Gesellschaftskomödien von Lady Windermere's Fan (1893) bis zu The Importance of Being Earnest (1895) –, zeigen, dass dieser leidenschaftliche Poseur und Bürgerschreck aber auch zu Ausflügen in die Gefilde britischer Nationaltugenden, in diesem Fall des Understatements, fähig war. Isolierte Aphorismen finden sich bei Wilde als „Preface“ zum Dorian Gray sowie in den Zeitschriftenbeitägen A Few Maxims for the Instruction of the Over-Educated und Phrases and Philosophies for the Use of the Young (beide 1894). Doch gilt darüber hinaus: Wann und wo immer er Dialoge schrieb, waren sie aphoristisch pointiert und aufgeladen. Sicher konnte Wilde Originelles auch täuschend echt nachahmen, wenn die Geistesblitze ausblieben. Der hohe Haltbarkeitsgrad vieler „witticisms“ widerlegt jedoch den Vorwurf routinierter Effekthascherei und macht Wilde zu einem Großmeister dieser „Kleinform“. U. Horstmann, 28. Februar 2005 Anm.: Oben stehender Text wurde dem Buch English Aphorisms, hrsg. und
ausgew. von Ulrich Horstmann, Universal-Bibliothek Nr. 9296. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1993,
S. 110-117 (Aphorismen) und S. 143f. (Biographische Angabe zu O. Wilde), entnommen. Übersetzungen: T. Grüterich
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Über Oscar Wilde» Ulrich Horstmann: Nachwort zu Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray, S. 325-335. » Ulrich Horstmann: „Der englische Aphorismus: Expeditionseinladung zu einer apokryphen Gattung“, in: Poetica 15, S. 34-65. » Norbert Kohl: Oscar Wilde. Das literarische Werk zwischen Provokation und Anpassung.
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