Aphorismus.netAnzeigen
|
Bemerkungen zu den AphorismenBeitrag 14: Fritz U. Krause über Robert Musil
Inhalt01 Aphorismus als Meinung in der Unwissenheit 01 Aphorismus als Meinung in der UnwissenheitIn der Mappe Aphorismen P schreibt Musil:
Klage über die eigene „Unwissenheit“ und Bedenken hinsichtlich des mentalen Zustands des Meinens, der Meinung und der „Meinenden“ und zugleich Skepsis gegenüber der „Gelehrsamkeit“ (1:458) sind hier die Stichworte. Sie durchziehen alle folgenden Bemerkungen zu Musils Aphorismen. 02 Aphorismen als Unwissenheits-EmpfindungenHier sind psychische Bedingungen für das Hervorbringen jener „abgehobenen Bemerkungen“ (2:927) genannt, die in einem ungeregelten, ich-verstörenden Verhältnis von Wissen und Unwissen liegen. Musil nennt seine „Bemerkungen“ nur widerstrebend, aber eben doch ,Aphorismen’. Er weiß um die Gefahren „des sich selbst überlassenen Scharfsinns“ (1:926), jenes „Scharfsinns“ also, der sich nicht an positiven Fakten orientiert, sondern von sich selbst steigernder Spekulation und von sich selbst übertreffender Genauigkeit lebt. Genauigkeitstreben und Überarbeitungsmanie statt Wissens-Richtigkeit sind Unwissenheitskompensationen. 03 Aphorismus und DenkverlegenheitMusil verfolgt seinen Beobachtungsgegenstand nicht vom üblichen wissenschaftlich-weltanschaulichen Standpunkt aus, er sucht vielmehr den phänomenologischen Zustand der Hellsichtigkeit für den reinen, natürlichen Gegenstand höheren Anspruchs. Diese neue Sichtqualität gebietet Abstand von den traditionellen Erfahrungen mit dem Gegenstand und verbietet realbezogenes, bewaffnetes Recherchieren. Die Versuche solcher reinen Zuwendung fallen aber oft kläglich aus. Es folgt dann ein Ausweichen auf schlichtere, weniger komplexe, ja geradezu gängige Gedankengegenstände. Die Normalität ist übermächtig; sie verleibt sich Ausreißergedanken stets wieder ein. Eingefahrene Sehweisen lassen nicht los; das Denken rutscht in alte Spuren. Jedes Wiederaufgreifen des kühnen Gedankens bleibt sodann ein zweifelhafter Versuch. Musil kann in solchen Situationen nicht mehr zurückklären, wonach er gesucht hat (1:441). Wissenschaftliche und philosophische Gedankenanleihen möchte er eigentlich vermeiden, doch sie drängen sich ihm auf. Ihn ärgert es, eigene Vorstellungen bei anderen Autoren schon angelegt zu sehn oder gar vorzufinden. Es geht ihm um „individuelle Wahrheit“ (1:116), die er mit störrischem Sinn, wie er selbst sagt, verfolgen will. In solcher Echtheitsskrise entstehen die „Bemerkungen“, die er auch als „Aphorismen“ bezeichnet; sie lösen oft seine ganze Abneigung aus:
04 Aphorismus als RohformAus heuristischen Gründen sei mit prinzipieller Einstellung und Verfahrensweise die Unterscheidung in aphoristische Rohform und aphoristische Kunstform festgelegt – eine Unterscheidung, die Musil explizit nicht macht. Musils Aphorismen sind Rohformen wider Willen. Die Arbeit (Überarbeitung und Umarbeitung) an ihnen führt nicht zur Kunstform, sondern zu anarchischen Äußerungsgestalten. Die Rohform ergibt sich als Folge der stofflichen Dissipation und der verbleibenden Unschärfe des betrachteten Gegenstandes. Was immer auch weiter anders gedacht sein will, muss schließlich das Paradoxon: Genauigkeit durch Unschärfe als seine Erscheinungsform anerkennen. Es ist das Ergebnis der arabeskenhaften Komplexität des versuchenden Erfassens gegenstandsträchtiger Gedankenmengen. Zur Kunstform des Aphorismus dringt Musil so besehen nicht durch. 05 Aphorismus: Äußerungskern und anarchisches DrumherumInnerhalb einer Äußerungseinheit steht oft ein Einzelsatz mit aphoristischer Formtypik, aber er ist umgeben von Argumenten, Stützungen, erläuternden Beispielen, Exkursen und Abschweifungen. Der Aphorismus ist Lebensdeutung in der Form des sich verästelnden Kommentierens, das plötzlich eine Blüte austreibt. Diese Blüte ist ein sich einstellender Erkenntniszustand. Der Aphorismus ist ein Rohprodukt, das bei der Durchgestaltung nicht zum klassischen Aphorismus verdichtet wird, sondern zur essayistischer Form entfaltet erscheinen kann. Der klassische Aphorismus als Kunstform lässt wie ein Gedicht keine Veränderung zu. Die Rohform fordert zur Veränderung auf. 06 Der typische Musil-AphorismusEs soll jetzt ein Aphorismus genannt sein, der prototypisch für Musils Arbeitsweise ist:
Die vorbereitenden Sätze führen erhellend auf den eigentlichen Aphorismus zu. Der zweite Absatz enthält die gesamte Wirkung der Äußerung. Hier erweist sich der Aphorismus als solcher oder er tut es nicht. 07 Aphorismus-EntstehungDie Entstehung einer literarischen Kurzäußerung wird von Musil recht genau beschrieben.
Stichworte hierzu sind: phänomenologisierende Betrachtung, Empfindungs-Baconismus. Dazu Genaues in den
Kapiteln 33 und 35. 08 Stufen der Aphorismus-EntstehungDie Entstehung eines Textes beschreibt Musil folgendermaßen:
Musil unterscheidet als Stufe (1) das Sich-ansammeln eines amorphen Äußerungshaufens. Der Aphorismus ist hier ohne Grammatik wie ein dicker Mops. Stufe (2) ist eine Delimitierung und Setzung von Grenzsignalen. Stufe (3) ist die Grammatikalisierung des Ganzen, so wie das anatomische Skelett die Organe daran hindert, als Haufen aufeinanderzuliegen. Stufe (4) ist das „Zusammenschnüren auf Dichtigkeit“. Hier vollzieht Musil den Schritt der Aufmerksamkeitssteuerung im Text und die Wirkungsverdichtung auf einen aphoristischen Kern. 09 Der Aphorismus ein Produkt von Ästhetik und GenauigkeitDas Ausfeilen bis ins Kleinste, von dem Musil in diesem Zusammenhang spricht, ist hier auf zweierlei Art zu verstehen: Da ist zunächst das Nachspüren des Sachlogik bis in ihre verzweigten Äste, dann die Vorstellung von der Adäquatheit der Beziehung zwischen Genauigkeit und Ästhetik.
10 Aphorismen als Eintragungen der zuchtlosesten FormDa jede Eintragung in die Notizbücher den erfühlten Gedanken zunächst nur in überlagerter
(unreiner) Form bietet, enthalten diese Notizbücher keine Kunstprodukte, sondern Eintragungen in der
„bequemsten und zuchtlosesten Form“; sie sind echte Tagebücher, in denen die Roheinfälle für eine
etwaige Bearbeitung lagern. Hier wird man an Canettis Aufzeichnungen erinnern dürfen. 11 Aphorismen entstehen aus resignativen ZuständenEin ungegliederter, amorpher Komplex als Schreibergebnis kann nur aus den Gründen des Scheiterns einer Absicht herrühren. Resignation des Aphoristikers komme aus der Einsicht in die verzweifelt gebärdende Unwissenheit. Die begleitende Stimmung des Aphorismus sei jene Resignation, „trotz der man sich noch einmal zusammennehme“. Die Aphorismen sind in dieser Anstrengung dann nichts anderes als Versuche, die „Unwissenheit zu kultivieren“ (2:509). Zumeist bleiben sie Gedankenversuche, die nicht befriedigen können (2:512). Vieles am Aphorismus scheint dabei nicht so, wie es sein könnte, und dennoch entzieht er sich einer endgütigen Fassung und scheint für eine Überarbeitung unzugänglich. Die resignativen Begleitumstände der Unvollkommenheit angesichts großartiger Erwartungen haben etwas Erhabenes an sich. 12 Aphorismen als Ästhetik des ResignierensReligiosität ist Resignation. Resignation ist die Lebensform des heiteren Intellektuellen,
wobei Lebensform jene Weise des Überlebens meint, die allein bleibt bei existentieller Bedrohung – wie dem
Bären der Winterschlaf, wenn er nichts mehr zu fressen findet. Der Aphorismus hat nichts Entlarvendes,
sondern wird diesem elementaren religiösen Aktbedürfnis gerecht.
13 Der Aphorismus und die Ironie der SchwächeIronie verbindet sich mit der sich mutig gebenden Schwäche beim Aufbruch zum Anderen; Ironie sorgt dafür, dass diese Schwäche hinter der aphoristischen Äußerung sichtbar bleibt. „Die Ironie muß etwas Leidendes enthalten“ (2:500): Besserwisserei ist dem Aphorismus fremd; Macht ist ihm unbekannt. Die widersprechenden Richtungen der beweglichen Intelligenz und das gleichzeitige „Nebeneinander von Interessen ganz verschiedener Dimensionen“ (1:478) lassen keinen Geistesimperialismus zu. „Induktive Bescheidenheit“ (1:500) und ironisches Leiden an der Bekenntnislosigkeit sind Erscheinungsformen der Resignation. 14 Aphorismus und GenauigkeitSituationsgemäßes Genauigkeitsstreben als Ersatz für übersituative Wahrheit erscheint dem Skeptiker als ein zu belächelndes Pathos. Genauigkeit ist ein Bedürfnis, dem nachzugehen ruhig stellt. Genauigkeit gibt zwar hohen Anspruch vor, schafft aber nur jene überschaubare Ordnung, die beruhigt und tröstet (2:500). Sie lenkt ab und hilft mit „gezähmten Begriffen“ über die Unwissenheit hinweg. „Vielseitige Unbildung“ (2:796), so bekennt Musil, charakterisiere ihn. Sie löst bei ihm einen neurotischen Zwang zur Genauigkeit aus, der sich in vielen, oft wohl sinnlosen Umarbeitungen fertiger Kapitel des MoE zeigt. Genauigkeit ist Unwissens-Kompensation, zudem noch versteckt hinter ästhetischer Attitüde. Nichts wird durch Umarbeitung tatsächlich besser, der Gedanke verschiebt sich nur, um schließlich auch in der neuen Fassung schal zu werden. Genauigkeit und Seele: Der Aphorismus ist immer in Gefahr, an dieser Unvereinbarkeit zu scheitern. 15 Aphorismen: Lockversuche für den kräftigen GedankenUmarbeitungen sind Unfruchtbarkeitsbekundungen und zugleich Versuche, den „kräftigen Gedanken“ zu locken. Die „leidenschaftliche Energie des Gedankens“ (1:116) wird angestrebt. Nur das Besondere kann sie auslösen, alles andere langweilt. Ein misslungener Aphorismus langweilt in besonderem Maße, da durch ihn die Hoffnung auf Gefühlsenergie und Verstandeskraft getäuscht wird wie eine Liebesbeziehung. 16 Aphorismen als EnergieträgerAuch ein Aphorismusschreiber ahnt zunächst nur, was er formuliert hat. Aus der Tiefe seines Innenlebens ist eine „Bemerkung“ plötzlich an die Oberfläche gekommen. Die eigene „Bemerkung“ überrascht ihn selbst und belebt ihn. Diese Energieübertragung vom Aphorismus auf den Aphorismusschreiber und -leser ist das Besondere. Verblüfft und begeistert wird von beiden der überraschende Anstoß aufgenommen. Fehlt dem Aphorismus die Energie ist er enttäuschend, banal und weniger als nichts. 17 Aphorismen als ArtefakteMusil sieht Aphorismen als sein geistiges Eigentum an: Individuale Wahrheiten. Dennoch trotz persönlicher Erkenntnisgewissheit bleibt sein Aphorismus ein offenes Artefakt. Ein Artefakt hat die Besonderheit, dass es durch schöpferische Rezeption zu Ende geführt werden muss. Ein Artefakt ist ein künstlerisches Halbprodukt, ein ästhetisches Gegenstandsangebot, das mit der Eigenphantasie des Rezipienten zum Kunstwerk vollendet wird. Das Artefakt übt durch seine Affizierungs-Energie Reiz zur Fremdvollendung auf jedermann aus. Der Aphorismus ist ein Artefakt; er wird durch Zuendeführung jedermanns Individual-Eigentum, er wird dem entsprechend mit großer Selbstverständlichkeit gesellschaftlich zur Schau gestellt wird. Auch Musil will ein „geistreicher Schriftsteller“ (1:128) sein, der seine eigene Vollendung im Produktionsprozess beim Umgang mit dem eigenen Aphorismus vollzogen sehen will. 18 Aphorismen: Selbstauratisierung und NiveaupotenzierungAphorismen als Artefakte reizen zur Ausarbeitung und zur Verdeutlichung verborgener pragmatischer Konsequenzen. So sucht Musil mit ihnen die Selbstauratisierung. Er gerät bei den ständigen Niveaupotenzierungen allerdings oft in jene bekannte „intellektuelle Verzweiflung“ und Mutlosigkeit, die oben bereits als resignativer Zug genannt wurde. Diese Verzweiflung äußert sich in rastloser Arbeitsmanie. Die Auratisierung steht in besonderem Widerspruch zu moderner Empfindung. Heute fragt man mit verändertem Selbstwissen:
Der Aphorismus als allgemeine Aussage fordert damit heute uneingeschränkt den globalen Stellenwert, zu dem er immer schon neigte und den Musil ihm mit seinem auktorialautistischen Denkansatz nicht ohne zögern zusprechen konnte. Es ist die Zufälligkeit ichhaften Wissens und die intrapersonal sich ausweitende Andersartigkeit sowie die Absetzung vom Normalen, die dem Musilschen Aphorismus den Wert der auratischen Botschaft verleihen. Das Auratische seinerseits beansprucht in der Rezeption globale Bedeutung. 19 Aphorismen: Repräsentationen des individuellen AnarchismusAphorismen als Vorstellungskeime dringen gedanklich auf Entwicklung, Entfaltung und wollen auf Konsequenzen hingeführt sein. Bei diesem Prozess gibt es Schwierigkeiten, die Regierungsgewalt über den Aphorismus zu behalten. Musil vergleicht das Romanschreiben mit dem Verwalten eines Königsreiches. Bei jedem Ausarbeitungsschritt vorwärts gebe es auch einen Schritt zur Seite:
Musil hat Mühe, den aphoristischen Gegenstand immer wieder „mit dem aus dem Gegenstand kommenden methodischen Forderungen... im exakten Denken... zu verschnüren.“ (1:116). Das ständige Schwanken zwischen Unfruchtbarkeit aus Faktenunsicherheit und Gedankendissipation ist ein belastender Zustand. Hinzu kommt der Druck der Erfüllung des „Besonderen“ des Gedankens. „Individuellen Anarchismus“ nennt Musil diesen Produktionszustand. Es ist ein Zustand, in dem es gilt, gerade „anders“ zu denken als der, dessen Normalität Schon-Gesagtes immer wieder als Stereotype hervorbringt, und als der, der wegen mangelnder Erkenntnismobilität den Weg zu einer „höheren moralischen Artung“ (1:504) längst abgebrochen hat. 20 Aphorismen als Travestie von Ästhetik und EthikDer Aphorismus als Erkenntnisblüte ist für Musil ästhetischer Genuss, ästhetische Travestie von Gefühl und Verstand. Das ironisierende Ästhetische löst die Ernsthaftigkeit ethischer Bestimmungen ab. Überwindungen der Ethik durch die Ästhetik sind seit Schiller abendländische Tradition.
21 Aphorismen als kriegerische Meinungs-KundgabenUnwissenheit verführt zu kühnen Spekulationen, deren zweifelhafte Richtigkeit durch
aggressives Meinen ersetzt wird. Eine Meinung ist das, von dem man gerne hätte, das es so wäre
(althochdeutsch: minnón / lieben, verehren). Eine Meinung gibt kaum objektive Daten wieder, ist vielmehr
Repräsentation eines zufälligen, entwicklungsbedingten subjektiven Mental-Zustandes. Eine Meinung ist die
Vorstellung, die man im Wahrheitsstreit bevorzugt und liebt; sie ist die Krücke, an der das Selbstbewusstsein
in Krisenzeiten geht. Die psychische Notwendigkeit dieses Zustandes und der drückende Überwindungszwang
des Unwissens sind Ursache der Aggressivität der Kundgabe. 22 Aphorismen als Verlegenheits-KundgabenMeinungen sind für Musil individuale Lieblingsvorstellungen, die in dichterische und gelehrsame Äußerungen wie von selbst eindringen, obwohl sie keine poetisch-repräsentativen, einschlägigen Lebensweisheiten sind und wissenschaftlich-deduktiv nicht zur Geltung kommen dürften. (1:458). Meinungen sind poetische und wissenschaftliche Verlegenheiten, Zeichen des Ich-weiß-nicht-weiter, aber Ich-will-mitreden. 23 Aphorismen als erzwungene ArbeitsanfängeEine „Handvoll Bemerkungen“ in aphoristischer Manier bilden für Musil den Verlegenheitsstart zum Erzwingen eines Arbeitsanfangs. Krisenhafte Situationen fordern und verhindern zugleich den Arbeitsanfang. Krisen entstehen ihm, wenn die normal erscheinende Notwendigkeits- und Wirklichkeitswelt von phantastischen Möglichkeitswelten beunruhigt und bedroht wird, aber die Bewältigung in der Banalität von Kommentaren stecken bleibt. 24 Der Aphorismus als RapialDas anspruchsvolle Wort ,Rapial’, die Bezeichnung ,Aphorismus’ für diese
Arbeitsanfänge sollen die Mäßigkeit des zufälligen Gedankens aufwerten. Musil freut sich, wenn er „schöne
Namen“ findet: „monsieur le vivisecteur“ (1:25). Ein Rapial „ist ein Symbol für meine
Konstitution“ (2:920), schreibt er in Anspruch nehmend. Musil sträubt sich gegen banale Bezeichnungen
wie ,Gedankenblitze’ oder ,Gedankensplitter’, wohl weil sie zu sehr zutreffen. Genau genommen
weiß er ,Aphorismen’ nicht von verwandten Gattungen wie Fragment, Bemerkung, Sentenz, Notiz u.a.
abzusetzen. Diese Bezeichnungen stehen deshalb auch gleichberechtigt neben Aphorismus. Nur in Andeutungen
billigt Musil dem Aphorismus gattungsmäßige Merkmale zu: beschränkt sich dabei auf nichtssagende Ausdrücke
wie ,echt’, ,gehämmert’ und Feststellungen wie: der Mensch selbst sei im Aphorismus gegeben
(2:921).
25 Der Aphorismus ist „der Mensch selbst“Der oben skizzierte psychische Zustand, der der Entstehung der ,Bemerkungen’ zugrunde liegt, wird von Musil selbstkritisch eingeschätzt. Die häufig gestellte Frage nach dem Wesen von Aphorismus und Rapial ist nicht literaturtheoretischer oder produktionstechnischer Art, dient damit nicht der Klärung der Gattungs- oder Textsortenbestimmung. Die Frage ist vielmehr autorial-existentiell ausgelöst und will doch nicht beantwortet sein: Die Einsicht in die eigene schöpferische Seinsweise würde ihm als Person zu nahe rücken. Der Aphorismus ist der Mensch selber. Diese Einsicht ängstigt. 26 Aphorismen als Gegenentwürfe der MöglichkeitsweltMusil begegnet jeglicher Faktennormalität mit skeptischer und poetisch-kreativer Einstellung.
Er fragt sich sofort, ob man diese Fakten nicht auch ganz anders sehen könne, ob man sie ihrer
Selbstverständlichkeit berauben könne, ob man nicht eine Immoralität entwerfen könne, die die Normalität
aufbrechend verstörte. Ästhetisierte Probleme in ihrer grundsätzlichen (dem Sprachgebrauch zuwiderstehenden)
Unlösbarkeit sind wie Mythen. Sie sind die aus der Romantik bekannten ,Ideenparadiese’ des Dichters.
Musil gerät allerdings mit solch skeptischen Zuständen zugleich und sofort in eine gestalterische Krise.
Das verschärft sich, wenn positive Fakten aufdringlichen Alltags sich nicht in Probleme (ästhetisierte
Fakten) auflösen lassen wollen und beharrlich auf ihren festen Rahmen verweisen. Dann reicht die schöpferische
Kraft zunächst nur zu einer „Handvoll Bemerkungen: Was ist eine Straße?“ (1:28).
27 Aphorismen als ImmoralismenImmoralismen sind Gegenvorschläge, die als ästhetische Utopien und Idealutopien (Schiller) das Unmögliche möglich erscheinen lassen, aber objektiv außerhalb von Raum und Zeit, zugleich als Kunstgegenstände fiktiv in Raum und Zeit mit der Zuwendung des interesselosen Wohlfallens und dem Status des Zweckes in selbst stehen bleiben (Kant). Immoralismen sind die Sachen anders gedacht – und sie geben zu denken. Die Gegenvorschläge treten nicht in Konkurrenz zu Realien und Realutopien, es fehlt ihnen die missionierende Aggression. Daraus wird verständlich: Ausführliches Recherchieren von Fakten für seine Arbeiten ist Musil nicht eigen. Es geht ihm auch gar nicht um den Naturalismus des Gedankens. Es ist der Wahnsinn des Immoralismus, der lockt und in allem steckt:
so beginnt programmatisch Heft 19 seines Tagebuches. 28 Aphorismus und beweglicher GeistEs ist der „höhere Moralismus“ (1:453), der ihn interessiert, jener Immoralismus also, der die Welt der Normalität und Moralität als eine Stück-, Schein- und Zufallswelt ansieht, als einen durch eine (zufällige) Autorität in seinem Dasein legitimierten Seinsausschnitt. Die Immoralität ist Moralität des konstruktiven Neuvorschlags aus der Autonomie der individualen Existenzempfindung. Gegenüber dem Anspruch des gesellschaftlich legitimierten Normalzustandes verhält sich Musil „untadelig“ im Sinne der korrekten Distanziertheit. Revolutionärer Terror ist seinem „konservativen Anarchismus“ fremd; die „Exterritorialität des geistigen Menschen“ (1:403) ist die Verfasstheit seines Denkens. „Eigenschaftslosigkeit“ wird der Gegenbegriff zu Normalität und Moralität. „Welcher bewegliche Geist könnte eine feste Haltung einnehmen?“ fragt Musil. Dem beweglichen Geist fehlt jene vorentscheidend bejahende, beziehungsweise vorentscheidend verneinende Grundeinstellung, die als Gefühl dem eigentlichen Urteil vorausgeht. Diese vorentscheidende Einstellung, die dem Intellektuellen fehlt, drängt sich gattungskennzeichnend für Talk-Beiträge in literarischen Shows auf. Sie gelten dort als Ausweis von Rezensentenkompetenz. Der Aphorismus ist dagegen die eindeutige Aussage, die dennoch ohne Vorentscheidung ist. Er ist Repräsentant einer sich gegenständlich zuspitzenden Ungewissheit. Die zugespitzte Gewissheit des Talk-Rezensenten beruht auf der kalkulierten Abwägung des Effekts und bleibt völlig situationgebunden. Das versuchende Denken, das hinter dem gebündelten Gedanken des Aphorismus sichtbar bleibt, fehlt dem Talk-Beitrag völlig. (Darum ist gerade Reich-Ranicki die Fähigkeit zum Aphorismus nicht (mehr) gegeben.) 29 Aphorismen dienen nicht dem MitteilungsbedürfnisIm eigenen Denken macht die Qualität der Abweichung von der Normalität den Grad des ästhetischen Reizes. So durchspürt Musil mit kritischer Einstellung den fertigen Text. Das schale Gefühl des abgewickelten Gedankens springt ihn dabei an. Das Verwerfen wird seine dichterische Hauptentscheidung. Was dann stehen bleibt, ist oft verquer zum Vorderen, und es häuft sich. Was stehen bleibt, ist oft schief, entstellt bis zur faden „Tiefsinnigkeit“. Die Schreibpflicht der nächsten Arbeitszeit überwindet alles zu neuer Deutung und Kommentierung: Musils Dichterzustand. 30 Der Aphorismus meidet die RedseligkeitLeserbezogene Redseligkeit oder Fabulierlust sind Musil fremd. Nicht die „geschäftige“ oder „versenkte Phantasie“ (1:469) lenkt sein Tun. Es ist der kritische Blick des „Es-könnte-auch-anders-sein“, der ihn weitertreibt. Daraus resultiert auch das von Musil selbst bekannte „geringe Mitteilungsbedürfnis“ (1:455). 31 Aphorismus und IntentionalitätMusil vertraut auf die vorwärtsführende Sachlogik bei der Behandlung seiner Gedankendinge.
Die Sachlogik ergibt sich intuitiv mit der intentionalen Zuwendung. Sie sondert ab, gibt den Blick frei.
Ausführliche erfahrungsgeprüfte Sachstudien hat Musil – und er hält diesen Tatbestand für kennzeichnend
– nie unternommen. Er arbeitet bei seinem Sachzugang mit ,spärlichen Hilfsmitteln’ (1:450).
Hilfsmittel sind ihm gemäß phänomenologischer Einstellung Entstellungsursachen. Schließlich hat Musil seinen
Realitätsbezug durch sein Möglichkeitsdenken aus der Prägung von Wirklichkeit und Notwendigkeit genommen. 32 Aphorismus und Apperzeption des GanzenDie Apperzeption des Ganzen ergibt das komplexe Ich, wie die Mystiker es nennen (1:82). Unverkennbar ist hier der Person-Begriff Schelers in der Gedankenwelt Musils. Musil kennt Schelers Schrift Phänomenologie der Sympathiegefühle (1:445), er weiß also von dessen Vorschlag, die Person als konkrete Seinseinheit intentionaler Akte anzusehen, jenen nahezu mystischen Prozess der reinen Objekterfahrung:
Das sind zwar nicht Schelers Gedanken in exakter Ausdeutung, aber die phänomenologische Psychologie mit ihren Inhalten war Zeitgedanke und hatte in vielen Gestalten Verbreitung. 33 Aphorismus als phänomenologische BeschreibungDas von Musil beschriebene Verfahren der Herstellung eines Textes ist die Beschreibung einer
phänomenologischen Beschreibung, einer Reduktion auf einen ästhetischen Gegenstand: „Stilisieren heißt
sehen.“ Hieraus rührt auch die ganze Umständlichkeit der beschriebenen Bemühung. Sie dokumentiert die
immer wieder ansetzenden, mühsam gelingenden Freilegungsversuche einer ins Auge gefassten Sache. 34 Aphorismus und literarisches SchaffenMusil weiß, dass Rapial und Roman, vom schöpferischen, kleinschrittigen Prozess her gesehen,
bei ihm „Hand in Hand“ (2:922) gehen, dass sein Romanschreiben der Ausgestaltung von Aphorismen
entspricht (2:917). Es sei hier angemerkt, dass solch ein Verfahren auch in Goethes Wilhelm
Meister zu beobachten ist: Viele Kleinstnovellen in der Größenordnung von wenigen Sätzen reihen sich
hier aneinander und warten auf ihren Ausbau. In den Musilschen ,Bemerkungen’ ist die spontane,
nicht-systemhaft hergeleitete, zufällige, über Jahre gewachsene und plötzlich Ausdruck gewordene Einsicht
deutlich. Sie entspricht der Ichhaftigkeit des Gedankens. Diese Ichhaftigkeit wird aber verstanden und
bestätigt von der allgemeinen Erfahrung des Lesers. Musil setzt stets ein hohes Maß an allgemeinem
Problemvorverständnis beim Leser voraus, einen hohen Grad an selbstmitgebrachter Erfahrung. Hierbei handelt
es sich allerdings nicht um faktische, sondern um elementare, empfindungsbezogene Daseinserfahrung. Das ganz
persönlich Ichhafte und das zugleich menschlich Allgemeingültige in Verbindung gebracht, sind
textsortentypisch für den Aphorismus von Musil. Die Musilsche Novelle Grigia zum Beispiel, ist
die Ausgestaltung eines Lebensknotens. Der Lebensknoten ist der Mensch selbst: der der Auflösung
entgegengehende „Homo“. 35 Aphorismen als Empfindungs-BaconismusMan kann zwei sich ausschließende Dinge zugleich behaupten und doch recht haben (1:32). Der Verstand hält die Dinge nicht zusammen. Die Abkehr vom Verstande (1:37), vom Ratioiden, hin zum „Andern Zustand“ ist die bekannte Folge. Nicht der großstrukturierte Entwurf, nicht das große Gedankenereignis halten ihn, sondern die Feststellung des kleinsten Bestandteiles, jenes feinen, kaum bemerkten Mienenspiels (Georg Büchner), das den Geschehnissen die zunächst unbemerkte Wende gibt, die dann aber zum eben Anderen, zur unmöglichen Möglichkeit führt. Empfindungs-Baconismus nennt Musil diese Beobachtungshaltung. Es ist eine zufällige Beobachtungshaltung; aus dem Gefühl „denkt sich etwas herauf“ bis in den „hellen Bezirk“, begleitet vom Gefühl der „Vollendung“ und Sicherheit (1:79). 36 Aphorismen als Gedankenempfindungen des Menschen im MenschenDie Gedankenempfindung sei ein Seelengut, das ohne Herrschaftsanspruch auftrete, wie oben bereits auch den Immoralismen zugesprochen. Musil beruft sich auf Novalis: Die Seele wohne wie ein ungelöstes Rätsel in ihm, sie lasse dem sichtbaren Menschen die größte Willkür, da sie ihn auf keine Weise beherrschen könne (1:81). Hier ist an Heinrich von Ofterdingen zu denken, den Musil gelesen hat. Wenn Musil der Seele dennoch ein „Durchschimmern“ zubilligt in den Handlungen und Worten des Menschen, dann ist die Seele jener „helle Bezirk“, nämlich der Sinn einer neuen, anderen Welt, des anderen Menschen im Menschen. (1:290). 37 Aphorismen und die Unklarheit des gefühlten GedankensDass Gefühle der Ausgangspunkt des Denkens sind, wird heute (Lit) deutlicher. Die Klarheit des gefühlten Gedankens bleibt im Aphorismus zumeist aus. Das Andere, was gedacht wird, hat nicht die Vollkommenheit des reinen Erlebens, bleibt sehr oft lediglich Gedankenopposition gegenüber dem Normalen und Gewohnten. Der Versuch intellektueller Redlichkeit/Gerechtigkeit ist gutgemeintes Wollen – ein Wollen, im gedachten Anderen die vermisste Wahrheit sichtbar sein zu lassen. 38 Aphorismus-ZyklusDie „Notizen“ erwachsen aus der Anstrengung der täglich selbstauferlegten
Arbeitsverpflichtung zum zu schaffenden „einen schönen Gedanken“ (1:32). Nicht die Mannigfaltigkeit
von Kenntnissen, sondern „einige lebenskräftige Gedanken bilden einen kräftigen Geist“. Aus dem
Undeutlichen der Empfindung ergeben sie sich so unerwartet wie angestrebt, im Zustand der Klarsichtigkeit. Sie
werden als „Bemerkungen, Aphorismen“ oder „Gedanken“ in Notizbücher aufgenommen. 39 Aphorismus als SinnzustandDer Sinn des Aphorismus ist der auszulösende Seelenzustand. Er zeigt sich im besonderen Sprechen, das dann „Dichten“ genannt wird. Lesen ist die Übermittlung dieses Zustands. (1:204). Der Zustand selbst bleibt flüchtig, er kann nichts Reales tragen (1:284). Der „Andere Zustand“ ist allerdings nicht der Zustand, der einen Aphorismus entstehen lässt. Jener ist eher ein gegenteiliger Zustand der Verkrampfung und gedanklichen Dürre oder der gedanklichen Ausuferung, also das Abreißen des Verständnisses. So Homos Nachgehen „Grigias“ in die Berge. Der „Andere Zustand“ ist allerdings Thema von Aphorismen. 40 Abschließende Aphorismus-ApologetikAphorismen sind entstanden aus dem Zufall und den Anlässen der Situation, ausgelöst vom
Nebenher des Lebens. Es sind Einfälle, oft enthalten sie „nichts eigentlich Neues“, wirken
also allein aus einer unerklärbaren, punktuellen Aktualität des Zwanges zur Möglichkeitswahrnehmung
(1:301). F. U. Krause, 14. Mai 2005 ———————————
Die Quellen: # Robert Musil, Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden, hrsg. von A. Frisé. Hamburg 1955, S. 23-586. # Robert Musil, Stichworte zu den Aufzeichnungen eines Schriftstellers, 1978, S. 917-935. (= Robert Musil, Gesammelte Werke, hrsg. von A. Frisé. Hamburg 1978, Band 7). Die hier vorgelegten „Bemerkungen“ sind Stichsätze für einen Vortrag. Eine frühe Fassung dieser Bemerkungen ist zu finden in: Dieter P. Farda, Ulrich Karthaus (Hrsg.), Sprachästhetische Sinnvermittlung. Frankfurt am Main 1982. | 1 | Byung-Chul Han: Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung. Berlin: Merve, 2005.
|
Über Robert Musil» Cary Henderson: „Zur Essayistik von Friedrich Nietzsche und Robert Musil“, in: Focus on Literatur (FocL), S. 9-22. » Marie-Louise Roth: „Robert Musil und das Aphoristische ohne Aphorismus“, S. 441-454.
|