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Weltklugheit in einer Welt des Scheins: Graciáns LebenslehreBeitrag 18: Till Kinzel über Baltasar Gracián
Das Leben des Menschen ist ein täglicher Kampf gegen die Dummheit, gegen Trug und Lug, gegen Narretei und Eitelkeit. Das Leben des Menschen ist ein tragikomisches Schauspiel, das zu ertragen nicht leicht ist, weil alles vom Schein beherrscht wird und das wahre Sein der Dinge verborgen zu sein scheint. In einer solchen, nicht gerade anheimelnd wirkenden Welt zu bestehen – dazu bedarf es neben Gottvertrauen vor allem der Ausbildung und Gestaltung der eigenen Person, der Personwerdung im emphatischen Sinne, denn nur als Person kann man bestenfalls den Widrigkeiten des Daseins trotzen. So könnte man in aller Knappheit den Ausgangspunkt der Betrachtungen skizzieren, die ich im Folgenden im Anschluss an Baltasar Gracián anstellen möchte.
Gracián zeigt im Falle dieses Aphorismus eine Haltung, die uns unter den Bedingungen einer
liberaldemokratischen Gesellschaft mit Meinungs- und Redefreiheit befremdlich erscheinen muss. Denn unter
der Voraussetzung, dass die öffentliche Diskussion oder, wie man heute gern sagt, der Diskurs davon lebt,
dass jeder seine Gedanken frei und ohne Furcht vor Repressalien äußern kann. Weshalb also sollte man seine
unzeitgemäßen Gedanken für sich behalten – „denken wie die wenigsten“ – und sich an
die üblichen Meinungen der vielen zumindest verbal anpassen – „reden wie die meisten“?
Wird hier nicht einer bedenklichen Doppelmoral gehuldigt – und dies auch noch von dem Vertreter
eines Ordens, dem man stets den Vorwurf der Heuchelei gemacht hat?
Gracián bietet mit diesen Ausführungen eine höchst aufschlussreiche Reflexion auf das Problem der Kommunikation von Gedanken in einer gegebenen Gesellschaft. Die Masse besteht, so seine Annahme, aus denen, die an der allgemeinen Torheit Anteil haben. Ihnen gegenüber ist es ein Fehler, offen seine Meinung zu bekennen, da der Trug, die Täuschung bei ihnen regiert und also die Wahrheit bei ihnen nicht zum Zuge kommen kann. Die Wahrheit, so Graciáns durchaus skeptische Position, kann nicht allgemein gemacht werden, weil die Meisten, die Vielen abweichende Meinungen nicht goutieren. Dies aber kann für den Weisen gefährlich werden. Er wird sich daher nach außen den gängigen Meinungen anpassen. Die politischen Köpfe empfählen deshalb gar, so Aphorismus Nr. 133, es sei besser, mit allen ein Narr als allein gescheit zu sein. Daraus folgt indes nicht, dass man tatsächlich die Meinung der Menge teilen, sondern sich nur den Anschein geben sollte.
Also gerade aus der sozialen Natur des Menschen, die ihm sein Überleben sichert, folgen eben jene
Gegebenheiten, die die Weltklugheit zu einer Notwendigkeit im Umgang der Menschen untereinander machen.
All diese Toren kennzeichnet nun, und das ist für Graciáns klassische Auffassung typisch, dass sie
nicht bei sich sind, alle neben sich stehen, und daher etwas anderes sein wollen als sie sind.
Gracián weiß, dass gerade diejenigen, die sich als Weise vorkommen, in besonderer Gefahr sind, zu verschrobenen Spinnern, oder in seiner Diktion: zu Ungeheuern an Narrheit zu werden. Die Anforderungen an die Selbsterkenntnis des Weisen können deshalb nicht überschätzt werden: Denn das Schöne ist schwer, wie die Griechen schon wussten. Ungeheuer von Narrheit aber nennt Gracián „alle Eitle, Anmaßliche, Eigensinnige, Kapriziöse, von ihrer Meinung nicht Abzubringende, Überspannte, Gesichterschneider, Possenreißer, Neuigkeits- krämer, Paradoxisten, Sektierer und verschrobene Köpfe aller Art“ (Nr. 168), und man kann getrost noch etliche hinzufügen, wie etwa die Zeremoniösen (Nr. 184). Dazu gehört schließlich auch die Warnung, die unter den Bedingungen der Mediengesellschaft nur noch an Bedeutung gewonnen haben dürfte (Handorakel Nr. 143):
Gracián kritisiert, dass man mittels des Paradoxen, das anfangs wegen seiner Neuheit Beifall finde, sich an einer üblen Gaukelei beteilige, zum Schaden des Staates. Es ist daher wichtig, nicht immer Scherz zu treiben (Nr. 76):
Warum aber nun sind der Pädagogik als Mittel gegen die naturwüchsige Dummheit Grenzen gesetzt? Dies
hat mit Graciáns Auffassung von der Entwicklung der Lebensalter zu tun, die im Kritikon in ihrer Abfolge
präsentiert werden. Entscheidend für die Vollendung des Menschen in der Person ist schlicht und ergreifend
Zeit, denn ohne das Reifen der Urteilskraft durch die Lebenszeit, die man hinter sich gebracht hat,
kann es nicht gehen. Wer Person werden will, steht vor der Aufgabe der „Klärung, Reinigung und
Entschlackung der Seele“| 5 |,
um schließlich zu sich selbst zu kommen. Nicht alle aber vermögen es, diesen Weg zu gehen, weshalb die
meisten Menschen gemessen an dem Idealbild der Person als Zurückgebliebene angesehen werden. Es genügt
mitnichten, einen scharfen Blick zu haben, dazu muss unbedingt die Urteilskraft hinzukommen. Erst wenn
jemand über diese Kombination verfügt, kann er als großer Mann gelten.
Gracián kritisiert wie schon Platon die Vielgeschäftigkeit, das Hereinreden derjenigen, die von einer Sache nichts verstehen, in die Geschäfte des Staates. Die Kritik richtet sich gegen Debattierklüngel, in denen überall auf die Regierung geschimpft wurde, „und zwar immer und unter allen Regimentern, auch im Goldenen Zeitalter und in der Ära des Friedens.“
Doch sind dies nur Klagen, die zu allen Zeiten von den Alten erhoben wurden, wie ein Weiser ihnen
sogleich klarmacht; bei aller Schärfe der Kritik verfällt Gracián niemals in eine nostalgische Haltung.
Er weiß, dass sich die menschliche Natur im Grundsatz nicht verändert und zu allen Zeiten den gleichen
Gefahren ausgesetzt ist. Gracián kann sich gewiss sein, dass dies so ist, weil er ein vorzüglicher Kenner
der antiken Literatur ist, der sich zumal in seinem Kritikon ausdrücklich auf eine ganze Reihe der
Größten jener Literatur bezieht. Er erklärt, er habe in seiner Weltenhofbetrachtung (filosofia cortesana)
dem urteilsfreudigen Leser etwas bieten wollen, das die trockene Philosophie mit dem unterhaltsamen
Einfall, die beißende Satire mit der eingängigen Erzählung vermählte. (11) Gracián bemühte sich, wie er
dann fortfährt, aus allen Autoren mit gutem Genius nachzuahmen, was ihm zupass kam: „aus Homer die
Allegorien, aus Äsop die Fabeln, das Lehrreiche aus Seneca, das Scharfsinnige aus Lukian, aus Apuleius
die Beschreibungen, aus Plutarch die Moral, aus Heliodor die Verwicklungen, aus Ariost die Unterbrechungen,
aus Boccalini die Krisen und aus Barclay die Bissigkeiten.“ An dieser Stelle erwähnt Gracián bei
weitem nicht alle literarischen Einflüsse, die für sein Werk von Bedeutung waren. So fehlt etwa Erasmus
von Rotterdam, um nur einen zu nennen, dessen Sprichwortsammlung Adagia Gracián mit Sicherheit
kannte und nur in seiner Ästhetik erwähnt. Doch ist es bezeichnend, dass er den Scharfsinn des Satirikers
Lukian von Samosata nennt, der alle Torheiten des Menschen in immer neuen Varianten geißelte und sich mit
Vorliebe die zahlreichen Pseudophilosophen seiner Zeit vornahm und entlarvte. Ein starker Einfluss auf die
Weltanschauung Graciáns ging zudem von der stoischen Philosophie aus, von Seneca, aber auch von Epiktet.
Die Stoa hatte mit ihrer moralphilosophischen Stoßrichtung gegen die von der Vernunft gelösten Affekte
und mit ihrer auf Selbsterkenntnis zielenden Gewissenserforschung dem Christentum vorgearbeitet, vor
allem aber eine nüchterne Haltung der Welt gegenüber gelehrt, ein Akzeptieren dessen, was sich nun einmal
nicht ändern ließ. So bezieht sich Gracián positiv auf die nach Epiktet erste Lebensregel, das
Ertragenkönnen, auf die die Hälfte der Weisheit zurückgeführt werden könne – und diese liegt nicht
zuletzt in der Geduld. Fast alle Autoren aber, auf die sich Gracián bezieht, haben gemeinsam, dass sie
entweder selbst lebenspraktisch orientiert sind oder doch im allegorischen Sinne so gedeutet werden
können. So erhalten die beiden Wanderer im Kritikon den Rat, sich die Odyssee Homers zu
beschaffen und von Anfang bis Ende durchzulesen, weil dieses Buch das Gemüt führen und dabei helfen
könne, ebenso vielen Klippen und Monstern zu entgehen wie Odysseus. (224)
Typisch für Gracián ist die Ablehnung jeder Form des Fanatismus, denn auch dieser ist eine Form der Dummheit, wie etwa der Aphorismus Nr. 183 klar zeigt:
Mehr verliere man durch Halsstarrigkeit, so Gracián, als durch den Sieg in der Argumentation. Auch
wenn man dies wohl nicht ganz unterschreiben kann, da nämlich eben die Gründe, die für unsere Position
sprechen, keineswegs immer schon bekannt sind, zielt diese Ermahnung darauf, sich vom Pöbel zu
distanzieren, den es dem Handorakel zufolge überall gibt: „Jeder macht ja die Erfahrung in seinem
eigenen Hause“, sagt Gracián mit lakonischer Treffsicherheit. Der Pöbel ist dabei jedoch keineswegs
etwa klassen- oder schichtenspezifisch, wie diese Bemerkung schon zeigt, sondern per definitionem die
Gruppe derjenigen, die sich aus den Dummen zusammensetzt. (Nr. 206)
Gracián lässt so durch den Mund der Fortuna selbst seine Meinungsverschieden- heit mit Machiavelli
deutlich werden, der bekanntlich die These aufgestellt hatte, Fortuna sei ein Weib und man könne und
solle sie schlagen, wenn man ihrer Herr werden wolle. (Principe, Kap. 25)
Und er fügt lakonisch hinzu: „Große Meisterregel, die keines Kommentars bedarf.“ Regel
des großen Meisters – dies bezieht sich auf den Gründer des Jesuitenordens, den Heiligen Ignatius
von Loyola, von dem der Satz überliefert ist, in Bezug auf den Dienst an Unserem Herrn gebrauche man
alle menschlichen Mittel als hänge von ihnen der gute Ausgang der Sache ab; und in gleicher Weise
vertraue man auf Gott, als hätten alle menschlichen Mittel keinerlei Wirkung.| 6 |
Dieser Versuch, den menschlichen und göttlichen Bereich in ihrer Bezogenheit aufeinander zu bestimmen,
ist nicht ohne Tücke, denn er hat in der Interpretation des Gracián dazu geführt, dass man die
Unvereinbarkeit der christlichen Menschendeutung mit dem Geist des Kritikon behauptet
hat.| 7 | Als Beleg wird angeführt, dass
bei der Diskussion um den Vorrang der „artes“ die Theologie ausgeschlossen und das praktische
Wissen auf die erste Stelle gehoben werde. Nun ist aber die Theologie keine praktische, sondern eine
kontemplative Wissenschaft, die sich mit der Natur Gottes befasst, wie Gracián ausdrücklich festhält.
Die Theologie erhält nämlich eine Sonderstellung zugesprochen, die sie bis über die Sterne erhebt, sie
allein gilt als wahrhaft göttlich, weil sie sich gänzlich der Erkenntnis Gottes und der Erforschung seiner
ungezählten Attribute widme. (549) Der Streit geht im folgenden dann nur noch darum, welche Wissenschaften
und Künste in den irdischen Regionen den höchsten Rang beanspruchen dürfen, so dass etwa Naturphilosophie
und Moralphilosophie um die Zustimmung der Geister ringen. Gracián vertritt auch hier eine eher
konservative, skeptische Position, wenn er etwa die Leistung der Moralphilosophie nicht in irgendwelchen
Neuerungen erblickt, sondern mehr in der Kunst weiser Auswahl aus dem Überlieferten. Angesichts der
langen Erfahrung der Menschen müssen Neuerungen in dem Bereich, auf den es ankommt, nämlich in Bezug auf
die Tugend, verdächtig erscheinen.
Ergänzt wird diese Bestimmung des Philosophierens durch den letzten Apho- rismus des Handorakels (Nr. 300), in dem Gracián das Ziel der Personwerdung lapidar darin sieht, ein Heiliger zu sein. Damit sei alles gesagt: Wie im Kritikon kommt es darauf an, in der Tugend das Band der Vollkommenheiten und den Mittelpunkt der Glückseligkeit zu erkennen. Im Angesicht des Wandels und der die Welt heute wie eh und je beherrschenden Narretei, der Scheingelehrsamkeit und des Pseudo-Tiefsinns, ist nur die Tugend eine Sache des Ernstes – „alles andere ist Scherz“. Weil es er mit der Tugend ernst meint, bleibt Gracián auch von jedem Nihilismus fern. Gegen die Schätzung äußerer Zufälligkeiten des Glücks, der Fortuna, ist allein die Tugend sich selbst genug. Denn während der Körper nur bis zum 25. Jahre wächst, wie Gracián jedenfalls meint, so wachse die Seele unaufhörlich, worin er einen Beweis für ihre Unsterblichkeit erblickt. (566) Das Mannesalter ist, weil in der Mitte des Lebens, das Beste, gleich weit von den Extremen der Jugend und des Alters entfernt, und am besten geeignet, jene wahre Herrschaft aufzurichten, auf die auch Gracián das Augenmerk lenkt – die Selbstherrschaft. Diese aber kann nicht gelingen ohne Selbsterkenntnis, d. h. ohne Einsicht in die eigene Neigung zur Torheit und Verschrobenheit. Graciáns Werk zielt deshalb auf Weltklugheit, auf praktische Weisheit, in der er das probateste Gegenmittel zu jener allgegenwärtigen und scheinbar allmächtigen Dummheit erblickt, die die Welt regiert. T. Kinzel, 22. Oktober 2006 Oben stehender Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages, der am 21. März 2006 in der Arche Potsdam gehalten wurde. ———————————
| 1 | Handorakel, Aphorismus Nr. 143. | 2 | Ebd., Nr. 87. | 3 | Ebd., Nr. 416. | 4 | Ebd., Nr. 43. So ist überhaupt die Struktur dieser Aphorismen: Sie beginnen immer mit einer Aussage oder einem Stichwort, die dann im folgenden Abschnitt näher erläutert werden. | 5 | Werner Krauss: Graciáns Lebenslehre. Frankfurt a. M.: Klostermann, 1947, S. 100. | 6 | Baltasar Gracián: Oráculo manual y arte de prudencia. (hrsg. von Emilio Blanco). Madrid: Cátedra, 2001, Kommentar, S. 237. | 7 | Hugo Friedrich (im Nachwort zu: Baltasar Gracián, Criticón oder Über die allgemeinen Laster des Menschen. Übersetzt von Hans Studniczka (Auswahl). Reinbek: Rowohlt, 1957) und Gerhart Schröder (in: Ders., Baltasar Graciáns „Criticón“. Eine Untersuchung zur Beziehung zwischen Manierismus und Moralistik. München: Wilhelm Fink, 1966).
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Über B. Gracián
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